Ein gutes Leben leben….

img-alternative-textAls ich 2013 nach meiner ersten Krebserkrankung und sechs Monaten Pause wieder meine Arbeit aufnahm, wurde mir eine Frage von meinen Klienten besonders häufig gestellt: „Wie hat sich Ihr Leben jetzt geändert?“ Die gleiche Frage bekomme ich heute – nach erfolgreichem Wiederholungskampf in 2016 – wieder gestellt. Gute Frage!

Eine wesentliche Erkenntnis für mich ist: Der Krankheit ist es vollkommen egal, wer Du bist. Sie trifft den „Guten“ genau so wie den „Bösen“. Sie ist keine persönliche Strafe.

Diese nüchterne Erkenntnis hat mich sehr entspannt. Denn damit musste ich mich nicht zu sehr mit der Frage nach dem „Warum ich?“ beschäftigen. Die logische Antwort für mich war: „Warum nicht?“

Ich bin zweimal an Krebs erkrankt. Das passiert täglich irgendjemandem irgendwo. Ich wurde behandelt und habe zweimal hart gekämpft. Mir geht es wieder gut. Problem gelöst. Ist das schon die ganze Geschichte?

Nicht ganz. Denn eine solche Erkrankung sorgt dafür, dass man sehr schnell aus allen üblichen Mechanismen der Gesellschaft herausfällt. Durch die Krankheit hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, nichts zu müssen. Zum ersten Mal wurde von mir nichts erwartet. Ich durfte nun auch mal müde sein, traurig, überfordert oder ängstlich. Und mein Umfeld akzeptierte das.

Mir gab das ein wenig das Gefühl von Narrenfreiheit. Das ganze Korsett von „tun müssen“, „nicht tun dürfen“ usw. fiel von mir ab. Ich werde es nie wieder anlegen.

Gleichzeitig hatte die Krankheit meinen Handlungsraum ohne die vielen Zwänge und Gewohnheiten enorm erweitert. Und damit auch meine Gestaltungsverantwortung . Wie war denn nun meine Vorstellung davon, ein „gutes Leben zu leben“?

Keine Ahnung! Ich hatte tatsächlich keine klare Vorstellung davon, was das für mich persönlich bedeutet.

Ich konzentrierte mich deshalb zunächst darauf, möglichst alle meine klassischen Bilder vom „guten Leben“ loszulassen, die Hände zu öffnen und den Kopf auf der Suche nach klarer Sicht zu heben. Mit offenen Augen die Realität zu erkennen, ohne sie rosig zu malen und ohne sie an meine erfundenen „Bilder im Kopf“ anzupassen war eine schwierige Übung.

Mit der Zeit habe ich daraus für mich ein paar Grundsätze entwickelt, die ich heute in meinem Leben umzusetzen versuche:

  1. Ungewissheit und Unbequemlichkeit aushalten: 
    Wenn ich Unbequemlichkeiten ausweiche, schränke ich mich auf meine persönliche Komfortzone ein. In ihr sind Lernen und neue Erfahrungen nur begrenzt möglich. Wenn ich Ungewissheit scheue, beschränke ich mich nur auf bereits Bekanntes. Ich trainiere mich heute lieber darauf, dass mich Ungewissheit und Unbequemlichkeit nicht aus der Bahn werfen können. Eine Krankheit ist dafür eine harte, aber wirkungsvolle Übung.
  2. Erwartungen und (Vor-)Urteile vermeiden: 
    Bestimmte Erwartungen und (Vor-)Urteile verhindern, dass ich mich über die Dinge freuen kann, die vor mir liegen. Sie verhindern auch, dass ich auf einen anderen Menschen einfach freundlich zugehen kann. Ich arbeite daher daran, meine eigenen Vor-Urteile und Erwartungen zu erkennen und ihnen nicht zu viel Raum zu geben. Vielleicht gelingt es mir sogar, sie irgendwann ganz loszulassen.
  3. Beziehungen vor Bedingungen: 
    Selbst wenn ich alles so hinbekomme, wie ich gehofft habe, werden ich nie die totale Kontrolle über eine Situation haben. Deswegen habe ich aufgegeben, alles und jeden kontrollieren zu müssen. Offen auf andere Menschen zuzugehen ist wichtiger, als von ihnen etwas Bestimmtes zu erwarten, damit eine Beziehungen funktionieren kann. Beziehungen sollten immer Priorität vor Bedingungen haben.
  4. Mitfühlend sein: 
    Wenn mich jemand oder etwas sehr ärgert, versuche ich, mich nicht meinem Ärger oder meiner Frustration hinzugeben. Ich bemühe mich darum, den inneren Schmerz anzuerkennen und zu verstehen, wie er mich oder mein Gegenüber gerade einengt. Ich öffne diesem engen Gefühl mein Herz. Und kann dadurch mitfühlend sein mit mir selbst und mit meinem Gegenüber.
  5. Dankbarkeit üben: 
    Das Leben ist wunderbar, weil es jeden Tag Wunder bereithält. Ich kann sie aber nur erkennen, wenn ich meine Augen offenhalte. Diese Wunder zeigen sich in vielen kleinen Dingen, die meiner Aufmerksamkeit entgehen, wenn ich zu angestrengt mit gesenktem Kopf auf den Fußboden starre.

Ein gutes Leben zu führen ist für mich eine beständige Übung, ohne die Hoffnung auf endgültige Meisterschaft. Hinfallen gehört dazu, aufstehen auch.

Wie führe ich ein gutes Leben? Durch Loslassen. Und dann neu anfangen. Immer wieder.

…nur noch ein bisschen mehr….

img-alternative-textKleiderschränke sind nach meiner Erfahrung immer ein wenig zu klein, um alle meine Kleidung aufzunehmen. Egal wie groß sie sind. Selbst ein neuer größerer Schrank hat die Tendenz, sich selbst in kürzester Zeit zu füllen. Umso größer die Überraschung, wenn nach einiger Zeit das Hemd oder der Pullover wieder auftauchen, die ich das letzte Mal vor Monaten gesehen habe.

Wir wollen halt immer ein bisschen mehr….nur noch ein bisschen…

Viel beschäftigte Unternehmensberater oder Anwälte verbringen im Durchschnitt 12 Stunden pro Tag mit ihrer Arbeit und sind während der ganzen Zeit sehr beschäftigt. Es ist leicht vorstellbar, dass sie an den meisten Tagen ihre Arbeit auch innerhalb von acht Stunden erledigen könnten. Aber da zu ihrem Selbstbild als erfolgreicher Berater oder Anwalt gehört, dass man viele Stunden arbeitet, verstehen sie es instinktiv, ihre Arbeit so lange auszudehnen, bis die 12 Stunden ausgefüllt sind.

Wir wollen halt auch hier immer ein bisschen mehr….nur noch diese Mail beantworten und diese Recherche anstossen….nur noch ein bisschen….

Wir richten uns in unseren selbstgewählten Messkriterien für Erfolg immer nach unseren inneren mentalen Modellen und Bildern. Diese Messkriterien müssen nicht zwangsläufig mit der Realität etwas zu tun haben. Deshalb essen Menschen, die abnehmen wollen, automatisch weniger, wenn sie kleinere Teller verwenden. Es geht also immer um das richtige Portionieren.

Wenn wir für die Beurteilung unserer eigenen Arbeitsleistung immer nur die ehrgeizigsten Messkriterien und die höchsten Zielwerte verwenden, dann ruinieren wir uns letztlich selbst die Freude an dem, was wir tun und warum wir es tun. Dann werden wir unsere Leistung immer als „zu wenig“ oder gar als „ungenügend“ empfinden.

Die richtige Portionierung für die eigene Leistung zu finden ist daher ein wesentliches Geheimnis für Erfolg und Freude.

Manchmal also bewusst den kleineren Teller zu wählen, kann für mehr Zufriedenheit sorgen. Probieren Sie es mal aus.

Willkommen im Kristallpalast…

img-alternative-text…so beschrieb der US-amerikanische Autor Seth Godin die aktuelle Anspruchshaltung und Eigenwahrnehmung vieler Menschen in unserer Gesellschaft.

Die Technologien, die uns überall umgeben, ermöglichen uns, Dinge zu tun, die noch für meine Eltern unvorstellbar waren. Auch im globalen Maßstab haben wir ein Wohlstandsniveau erreicht, das die Geschichte noch nicht gesehen hat. Trotz aller Krisen, Kriege und schrecklichen Gewaltausbrüche in aller Welt leben wir in (relativ) friedlichen Zeiten. Noch nie hat es in Europa 60 Jahren Frieden ohne Unterbrechung gegeben.

Die Medizin vollbringt Wunder in der Bekämpfung von ansteckenden Krankheiten, der Heilung von Krebs und der Erweiterung unserer Möglichkeiten, Schmerzen zu nehmen und Beschwerden zu lindern.

Unsere Gesellschaft hat sich in ihrer Selbstzufriedenheit eingerichtet und wir haben einen „Kristallpalast“ geschaffen, einen Ort, der perfekt gestylt, organisiert, sauber und glänzend sein soll und in dem die Pflege des Ganzen inzwischen mehr Arbeit als Vergnügen macht. Diesen hohen Standard nach aussen aufrecht zu erhalten ist sehr anstrengend. Für jeden Einzelnen. Für uns alle gemeinsam.

Trotzdem verschwenden wir unsere Zeit mit lautem Gejammer darüber, dass kleinste Beschwernisse unser Glück trüben. Wir klagen darüber, dass die Impfung weh getan hat und der Arm zwei Tage schmerzte. Wir jammern, dass die Suppe zu kalt und der Hauptgang zu heiss, der Cocktail zu klein und die Raumtemperatur zu kühl waren. Und dies alles tun wir, ohne die Wunder zu bemerken und wertzuschätzen, die uns umgeben.

Stellen wir uns mal vor, wir müssten den letzten Vorfall, der unseren perfekten Tag ruiniert hat, auf ein T-Shirt schreiben: „Mein iPhone ist während der letzten Zugabe meiner Lieblingsband ausgegangen, weil meine Mami vergessen hat, es aufzuladen. Deswegen konnte ich den letzten Song im Konzert nicht aufnehmen und bei YouTube posten. Ich bin ruiniert.“

Aber schlimmer noch ist, dass wir unsere Fähigkeit verloren haben, uns auch dann auf etwas Neues einzulassen, wenn es nicht sofort mit einer Belohnung aufwartet oder nicht so perfekt gestylt aussieht oder sogar Mühe und Anstrengungen erwarten lässt. Wenn es auch nur ein minimales Risiko bergen könnte, wollen wir es nicht.

Dadurch dass wir uns immer häufiger von Situationen, Menschen, Orten fernhalten, die uns vielleicht ablehnen könnten oder wo es nicht so perfekt zugeht, wie wir es gern hätten, verbringen wir unser Leben zunehmend in einem selbstgewählten Gefängnis, das täglich kleiner wird. Von innen sieht es zwar toll, sauber und perfekt aus. Zum Glücklichsten reicht es aber nicht.

Immer mehr gehen wir dazu über, Situationen, Menschen und Dinge zu vermeiden. Nicht weil sie so gefährlich wären. Sondern weil es vielleicht mal nicht funktionieren könnte.

Wir vermeiden das unangenehmen klärende Gespräch, wir machen den Vertriebsanruf nicht, wir setzen uns nicht mit dieser ungewöhnlichen Sichtweise auseinander, wir lassen unsere gute Erfindung lieber in der Schublade. Nicht weil wir es nicht könnten, sondern weil es vielleicht nicht auf Anhieb funktionieren könnte. Weil wir uns dann unwohl fühlen würden….

Der achtjährige Sohn eines Freundes sollte vor Kurzem das Fahrradfahren erlernen. Mit jedem Versuch machte er gute Fortschritte, es ging immer besser. Dann kam der unvermeidliche erste Sturz. Nachdem der Schreck vorbei war, verkündete er, Fahrradfahren sei sowieso langweilig, das brauche er nicht zu lernen. Dabei blieb es….

Wenn wir uns weiterentwickeln und wachsen wollen, dann ist das eine anstrengende, manchmal schmutzige und manchmal sogar eine gefährliche Angelegenheit. Den das Leben an sich ist manchmal anstrengend, schmutzig und so gefährlich, dass es irgendwann mit dem Tod endet.

Wenn wir eine Garantie erwarten, dass unser Leben sich immer nur nach oben entwickelt, besser, schöner, größer wird und in einem Hollywood-Finale endet, werden wir enttäuscht werden. Ganz sicher.

„Im Prinzip ja, aber…“ – Prinzipien und Standards

img-alternative-textKennen Sie das? Der Tag verspricht, anspruchsvoll zu werden, mit vielen Gesprächsterminen über wichtige Themen. Alles ist durchgetaktet, auf dem Weg zum Flughafen ist man gut durchgekommen, zum Glück kein Stau, jetzt schnell das Auto parken, einchecken, vielleicht noch ein schneller Kaffee. Habe ich eigentlich alle Unterlagen dabei?
Dem aufmerksamen Beobachter wird an so einem Morgen auffallen, dass mein Gesichtsausdruck und meine Körperhaltung eine leichte Anspannung verraten. Alles an mir signalisiert: „Vielen Dank, ich brauche nichts. Bitte halten Sie mich nicht auf.“

Konsequent ignoriert wird mein Wunsch allerdings immer wieder von ehrgeizigen jungdynamischen „Beratern“, die mich dazu animieren wollen, ihre goldene / platinfarbene / unglaublich wichtig aussehende Kreditkarte zu verwenden. An einem normalen Tag versuche ich, sie wertschätzend zu ignorieren.

Vor einiger Zeit ergab sich aber folgender Dialog:
Ich: „Danke nein, das brauche ich nicht.“
Er: „Glauben Sie mir, die Zusatzleistungen werden Sie überzeugen. Ganz bestimmt.“
Ich: „Ich brauche keine Zusatzleistungen. Und ich brauche keine zusätzliche Kreditkarte.“
Er: „Aber Sie reisen doch so viel. Da ist eine Gepäckversicherung eigentlich unverzichtbar.“
Ich: „Nein, wenn mein Koffer in Tokio verloren geht, nützt mir das vor Ort auch mit Versicherung gar nichts.“
Er: „Aber auf die Flugmeilen bei jedem Einkauf wollen Sie doch nicht verzichten?!“
Ich: „Ich habe bereits so viele Meilen, dass ich meine Vettern und Cousinen 2. Grades zum Urlaub nach Mallorca auf Meilen einladen könnte. Tue ich auch nicht. Brauche ich nicht.“
Er – mittlerweile leicht verzweifelt: „Und die Mietwagen? Denken Sie an die Mietwagen-Tarife! So günstig kommen Sie da nie wieder ran.“
Ich – schon fast amüsiert: „Guter Mann, nochmal zum Verständnis: Ich verwende prinzipiell Kreditkarten so wenig wie möglich.“
Er: „Prinzipien zu haben ist ja eine gute Sache, aber bei DIESEM Angebot sollten Sie unbedingt eine Ausnahme machen. Sie müssen da flexibler werden.“ – das Ganze vorgetragen mit einem leicht mokanten Lächeln über den komischen Mann, der da was von Prinzipien schwafelt.

Damit sagte dieser „Berater“ eine ganze Menge über sich selbst. Seine Reaktion machte mir deutlich, dass er gerne eine Abkürzung nehmen würde, um müheloser zum Erfolg zu kommen. „Man kann es ja mal versuchen.“ und „Fragen kostet ja nichts.“ Wie hält es dieser Jemand mit Prinzipien?

Seine Reaktion auf meinen Prinzipien-Einwand liess mich annehmen, dass für ihn eigene Prinzipien und Standards ein Luxus sind. Kann man sich mal gönnen, muss man aber nicht. Prinzipien reduzieren natürlich die Möglichkeit, immer und überall der eigenen Stimmung nachzugeben. Prinzipien nehmen Flexibilität und Bequemlichkeit. Und ein Verstoss gegen die eigenen Prinzipien hat doch sowieso keine Konsequenzen. Bringt also eh nix. Kann man gleich sein lassen.

Meine Erfahrung ist anders: Wenn man beginnt, sich konsequent nach eigenen Standards und Prinzipien auszurichten, spart man viel Zeit. Entscheidungen werden auf Basis klarer Prinzipien viel schneller getroffen, Prioritäten ergeben sich häufig wie von selbst. Die neuesten Trends und Tricks verlieren an Attraktivität. Man braucht ihnen nicht mehr hinterher zu laufen, in der Hoffnung, dadurch eine Abkürzung zum Ziel zu finden.

Das Leben nach eigenen – selbst gewählten und durchdachten – Prinzipien und Standards ist so betrachtet die beste und eleganteste Abkürzung zum Ziel, die man wählen kann. Weil man sich mit vielen Nebensächlichkeiten nicht beschäftigen muss. Und sich darauf konzentrieren kann, hervorragende Arbeitsergebnisse zu liefern und verlässlich zu agieren. So entsteht Vertrauen.

Auf der Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job? Lassen Sie´s lieber.

 

Ich kann es nicht mehr hören! Jedes Seminar zum Thema „Beruflicher und privater Erfolg“ belästigt mich mit der Empfehlung: „Sie müssen Ihre Leidenschaft finden!“ oder „Entdecken Sie Ihre Passion!“. Auch gerne verwendet wird:“Erst wenn Sie Ihre Leidenschaft leben, werden Sie Erfolge feiern können!“

In meinen Coaching-Gesprächen spüre ich häufig die Verzweiflung des Klienten, der vor mir wie ein Häuflein Elend sitzt und darüber klagt, dass er „seine Leidenschaft immer noch nicht gefunden habe und gar nicht wüsste, was er noch dafür tun könne. Nur das, was er im Moment gerade beruflich tue, sei auf gar keinen Fall seine Leidenschaft!“ Da ist es ja dann kein Wunder, wenn sich der erträumte Erfolg noch nicht eingestellt hat.

Ist es wirklich sinnvoll, die Suche nach der eigenen Leidenschaft in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich habe den Eindruck, dass diese Empfehlung häufiger die Probleme vergrössert, als etwas zum Besseren zu wenden. Denn in vielen Fällen führt die Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job zu Fehlentscheidungen, die teilweise schlimme Folgen haben.

Da sehe ich den häufigen Jobwechsel im Lebenslauf, eine große Unzufriedenheit mit der aktuellen Tätigkeit, noch größere Träume über die „ideale“ Firma, die „optimalen“ Kollegen und die „perfekten“ Chefs, die in der Lage sind, das „enorme Potenzial“ zu erkennen.

Welche Annahmen stecken hinter diesen Äusserungen? Offensichtlich glauben viele Menschen, dass der beste Weg zu einem glücklichen und erfüllten Berufsleben ist, zuerst die eigene Leidenschaft zu entdecken und dann die dazu passende Tätigkeit zu finden.

So funktioniert es nach meiner Erfahrung allerdings in den meisten Fällen nicht.

Denn Menschen, die einer echten Leidenschaft – auch in Ihrem Beruf – folgen, sind sehr selten und finden sich nach meiner Erfahrung häufig im künstlerischen Bereich. Aus dem leidenschaftlichen Geigenschüler wird vielleicht der gefeierte Violinist, wenn viele unterstützende Faktoren zusammenkommen. Denn neben der Leidenschaft sind dafür auch Eigenschaften wie Talent und Fleiss erforderlich. Die Förderung im Elternhaus und der richtige Lehrer zur richtigen Zeit sind weitere Faktoren.

Den leidenschaftlichen Lohnbuchhalter oder den leidenschaftlichen Taxifahrer habe ich seltener getroffen. Die meisten Menschen werden nicht mit einer brennenden Leidenschaft in sich geboren. Hier kommen die vielen gut besuchten Seminare, Workshops und Retreats ins Spiel, die ihren Teilnehmern versprechen, ähnlich einem Archäologen, die verdeckte, wahre Leidenschaft freizulegen, die unter dem Staub der Erziehung schändlich begraben worden ist. Wenn sie befreit worden ist, steht dem eigenen Glück endlich nichts mehr im Wege. Man muss nur entsprechend dieser Leidenschaft handeln.

Und tatsächlich gehen viele Teilnehmer dieser Veranstaltungen glücklich und beschwingt wieder nach Hause. Sie haben erfolgreich „ihre“ Leidenschaft entdeckt und endlich gibt es damit auch die Erklärung, warum sie bisher im Job so unglücklich waren. Nicht ihre Einstellung war dafür verantwortlich, sondern die Tatsache, dass der Job nicht kompatibel zur neu entdeckten Leidenschaft war. Jetzt nur noch schnell kündigen und etwas Passenderes finden, dann ist alles wunderbar.

Leider kommt nicht selten nach ein paar Wochen der „Katzenjammer“. So erzählte mir eine Bekannte, sie habe inzwischen das Gefühl, die neu entdeckte Leidenschaft für „…meine Liebe weitergeben…“ sei vielleicht doch nicht so ausgeprägt. Da „finde ich mich doch nicht so wieder, wenn die Kinder meiner Schwester wieder auf den Tischen tanzen..“ – Aber schon in Kürze werde wieder ein Seminar zum Thema angeboten, dieses Mal von einem amerikanischen „Motivational Speaker“, der habe übrigens indianische Wurzeln und deshalb sowieso einen ganz anderen Zugang zum Thema. Naja…

Was ist es denn nun mit der Leidenschaft?

Wenn ich Leidenschaft im Beruf sehen will, dann gehe ich in eine kleine Buchbinderei, mit der ich schon einige Jahre zusammenarbeite. Hier ist beim Inhaber und seinem Mitarbeiter echte Leidenschaft zu spüren, wenn wir über Vorsatzpapiere, Einbandstrukturen und Prägestempel sprechen. Leidenschaft ist hier eine FOLGE von meisterhafter Beherrschung eines Handwerks. Hier entsteht Leidenschaft durch das KÖNNEN und das Ausreizen von Möglichkeiten, noch bessere Ergebnisse in der eigenen Arbeit zu erzielen.

Tatsächlich ist „gute Arbeit“ etwas sehr Seltenes geworden, nach dem sich immer mehr Menschen sehnen. Gute Arbeit benötigt gute Kenntnisse und viel Erfahrung. Braucht gute Arbeit auch Leidenschaft? Nicht unbedingt. Aber ein leidenschaftlicher Handwerker wie mein Buchbinder würde sagen, es schade auch nicht.

Und darin liegt für mich der wesentliche Punkt: Diejenigen, die sich auf das Finden ihrer Leidenschaft konzentrieren, tun dies mit der Einstellung von „Was bietet mir die Welt?“. Diejenigen, die sich – wie ein Meister seines Handwerks – darauf konzentrieren, gute Arbeit zu leisten, tun dies mit der Einstellung von „Was biete ich der Welt?“.

Wenn Sie sich also Gedanken darüber machen, was Ihre Leidenschaft sein könnte, empfehle ich Ihnen: Kümmern Sie sich darum, der Welt etwas anzubieten und so gut darin zu werden, dass man Sie nicht mehr übersehen kann. Arbeiten Sie daran, Meister Ihres Fachs zu werden. Dann stellt sich die Leidenschaft von ganz alleine ein.

„Ja, aber…“ – Vorbehalte und Ausreden

img-alternative-textBesonders in Veränderungssituationen, die von Mitarbeitern und Führungskräften echte Verhaltensänderungen verlangen, höre ich das „Ja, aber…“ besonders häufig. Es soll einerseits ausdrücken, dass diejenige Person nicht vollständig und absolut gegen die Veränderung eingestellt ist, andererseits aber sich selbst nicht gerne verändern möchte.

Grundsätzlich sind Vorbehalte, z.B. gegen eine neue Veränderung in der Organisation, zunächst mal ganz gesund und nützlich. Es ist immer hilfreich, zu Beginn ein paar Fragen zu stellen, bevor man sich Hals über Kopf in ein neues Veränderungsabenteuer stürzt.

Wir sollten aber Vorbehalte deutlich unterscheiden von Ausreden. Ausreden verwenden wir meistens, um dem Berater, dem Verkäufer, dem Change Manager etc. zu sagen, er möge bitte gehen, ohne ihm zu sagen, dass er bitte gehen möge.

Für mich als Veränderungsbegleiter sind Vorbehalte und Rückfragen immer wieder sehr produktive Möglichkeiten, mit betroffenen Teammitgliedern, Führungskräften oder auch ganzen Teams ins Gespräch zu kommen. Vorbehalte sind ein Weg, gemeinsam mehr über das Veränderungsvorhaben zu lernen, Sichtweisen zu hinterfragen und ggf. zu korrigieren und gleichzeitig den betroffenen Mitarbeitern Hilfe bei der Lösung ihrer spezifischen Probleme in diesem Veränderungsprozess anzubieten.

Dazu im Unterschied haben Ausreden keinerlei produktiven Nutzen. Sie sind für mich eher Äusserungen der Angst, zu etwas überredet zu werden, das man eigentlich nicht will. Diese Ängste zu kennen, sie ernstzunehmen und in der Kommunikation mit ihnen umzugehen ist von großer Bedeutung. Die Zuflucht über längere Zeit in Ausreden zu suchen und dadurch Entwicklungen zu verzögern oder gar zu verhindern, sollte aber nicht zulässig sein.

Ein guter Change Manager sollte daher die Unterschiede zwischen Vorbehalten und Ausreden erkennen können und dadurch besser verstehen, was die betroffenen Mitarbeiter und Teams im Moment noch von einer vollen Zustimmung und Unterstützung der Veränderung abhält. Sind es nur Ausreden? Oder sind es Vorbehalte, mit denen man arbeiten kann?

Messen wir eigentlich das Richtige?

Wenn wir etwas Bestimmtes messen, dann konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit in der Regel darauf. Und wenn unsere Aufmerksamkeit auf einem bestimmten Thema oder einem bestimmten Zusammenhang liegt, wird hier in der Regel auch intensiv gemessen.

Wir sind hungrig nach Zahlen. Zahlen bestimmen unsere Messungen, denn sie stellen eine Vergleichbarkeit her. Und diese Vergleichbarkeit macht es schwer, sich zu verstecken und gibt uns das Gefühl von Ordnung – dieses ist kleiner / besser / größer / schneller / leichter / etc. als jenes.

Genau darin liegt aber auch ein Problem.

Das Einkommen ist zum Beispiel sehr leicht zu messen. Und wir glauben, dass ein höheres Einkommen besser ist als ein niedriges Einkommen. Deshalb halten wir Menschen mit einem höheren Einkommen für besser oder glücklicher und gestehen ihnen mehr Respekt und Würde zu als Menschen, die augenscheinlich weniger Einkommen haben. Eine Falle.

Auch die „Likes“ in sozialen Medien sind leicht zu messen. Darum steht hier die Jagd nach Zustimmung immer mehr im Vordergrund. Wer gewinnt dieses Spiel? Vielleicht am ehesten Exhibitionisten und Zuhälter.

Im Internet-Handel ist die Anzahl der „Fünf-Sterne-Bewertungen“ bares Geld wert. Auch sie ist leicht zu messen. Deshalb streben die Anbieter schon fast verzweifelt nach positiven Bewertungen, um zu gewinnen.

Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich „gewinnen“? Führt die reine Maximierung einer bestimmten Messzahl tatsächlich zu den positiven Ergebnissen, die wir erreichen wollen?

Ist die wirklich wichtige Arbeit immer auch die beliebteste Arbeit? Erreichen wir unsere Ziele wirklich immer nur dann, wenn die Öffentlichkeit es toll findet? Verkauf wir dann automatisch mehr? Ist die Bestseller-Liste identisch mit der Beste-Bücher-Liste?

Wer bewertet da eigentlich? Die populärsten Bücher, die erfolgreichsten Filme werden häufig von Kritikern verrissen. Aber populäre Themen ziehen mehr Käufer an als schwierige Stoffe. Vielleicht bekommen wir bei der Maximierung unserer gut messbaren Erfolgkriterien dann Käufer, die wir gar nicht haben wollten….

Wir sollten deshalb sehr überlegt in der Auswahl unserer Messkriterien vorgehen. Das falsche Messkriterium liefert auch dann falsche Ergebnisse, wenn es besonders leicht zu messen ist.

Präzision ist nicht das Gleiche wie Signifikanz.

Verwenden wir die richtigen Messkriterien für unsere Arbeit und unsere Ergebnisse, dann passieren gute Dinge.

Nehmen wir uns daher mehr Zeit dafür, herauszufinden, welche Messkriterien für uns die Wesentlichen sind. Lassen wir uns nicht zu sehr durch Daten blenden.

Weniger ist hier meistens mehr.