Auf der Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job? Lassen Sie´s lieber.

 

Ich kann es nicht mehr hören! Jedes Seminar zum Thema „Beruflicher und privater Erfolg“ belästigt mich mit der Empfehlung: „Sie müssen Ihre Leidenschaft finden!“ oder „Entdecken Sie Ihre Passion!“. Auch gerne verwendet wird:“Erst wenn Sie Ihre Leidenschaft leben, werden Sie Erfolge feiern können!“

In meinen Coaching-Gesprächen spüre ich häufig die Verzweiflung des Klienten, der vor mir wie ein Häuflein Elend sitzt und darüber klagt, dass er „seine Leidenschaft immer noch nicht gefunden habe und gar nicht wüsste, was er noch dafür tun könne. Nur das, was er im Moment gerade beruflich tue, sei auf gar keinen Fall seine Leidenschaft!“ Da ist es ja dann kein Wunder, wenn sich der erträumte Erfolg noch nicht eingestellt hat.

Ist es wirklich sinnvoll, die Suche nach der eigenen Leidenschaft in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich habe den Eindruck, dass diese Empfehlung häufiger die Probleme vergrössert, als etwas zum Besseren zu wenden. Denn in vielen Fällen führt die Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job zu Fehlentscheidungen, die teilweise schlimme Folgen haben.

Da sehe ich den häufigen Jobwechsel im Lebenslauf, eine große Unzufriedenheit mit der aktuellen Tätigkeit, noch größere Träume über die „ideale“ Firma, die „optimalen“ Kollegen und die „perfekten“ Chefs, die in der Lage sind, das „enorme Potenzial“ zu erkennen.

Welche Annahmen stecken hinter diesen Äusserungen? Offensichtlich glauben viele Menschen, dass der beste Weg zu einem glücklichen und erfüllten Berufsleben ist, zuerst die eigene Leidenschaft zu entdecken und dann die dazu passende Tätigkeit zu finden.

So funktioniert es nach meiner Erfahrung allerdings in den meisten Fällen nicht.

Denn Menschen, die einer echten Leidenschaft – auch in Ihrem Beruf – folgen, sind sehr selten und finden sich nach meiner Erfahrung häufig im künstlerischen Bereich. Aus dem leidenschaftlichen Geigenschüler wird vielleicht der gefeierte Violinist, wenn viele unterstützende Faktoren zusammenkommen. Denn neben der Leidenschaft sind dafür auch Eigenschaften wie Talent und Fleiss erforderlich. Die Förderung im Elternhaus und der richtige Lehrer zur richtigen Zeit sind weitere Faktoren.

Den leidenschaftlichen Lohnbuchhalter oder den leidenschaftlichen Taxifahrer habe ich seltener getroffen. Die meisten Menschen werden nicht mit einer brennenden Leidenschaft in sich geboren. Hier kommen die vielen gut besuchten Seminare, Workshops und Retreats ins Spiel, die ihren Teilnehmern versprechen, ähnlich einem Archäologen, die verdeckte, wahre Leidenschaft freizulegen, die unter dem Staub der Erziehung schändlich begraben worden ist. Wenn sie befreit worden ist, steht dem eigenen Glück endlich nichts mehr im Wege. Man muss nur entsprechend dieser Leidenschaft handeln.

Und tatsächlich gehen viele Teilnehmer dieser Veranstaltungen glücklich und beschwingt wieder nach Hause. Sie haben erfolgreich „ihre“ Leidenschaft entdeckt und endlich gibt es damit auch die Erklärung, warum sie bisher im Job so unglücklich waren. Nicht ihre Einstellung war dafür verantwortlich, sondern die Tatsache, dass der Job nicht kompatibel zur neu entdeckten Leidenschaft war. Jetzt nur noch schnell kündigen und etwas Passenderes finden, dann ist alles wunderbar.

Leider kommt nicht selten nach ein paar Wochen der „Katzenjammer“. So erzählte mir eine Bekannte, sie habe inzwischen das Gefühl, die neu entdeckte Leidenschaft für „…meine Liebe weitergeben…“ sei vielleicht doch nicht so ausgeprägt. Da „finde ich mich doch nicht so wieder, wenn die Kinder meiner Schwester wieder auf den Tischen tanzen..“ – Aber schon in Kürze werde wieder ein Seminar zum Thema angeboten, dieses Mal von einem amerikanischen „Motivational Speaker“, der habe übrigens indianische Wurzeln und deshalb sowieso einen ganz anderen Zugang zum Thema. Naja…

Was ist es denn nun mit der Leidenschaft?

Wenn ich Leidenschaft im Beruf sehen will, dann gehe ich in eine kleine Buchbinderei, mit der ich schon einige Jahre zusammenarbeite. Hier ist beim Inhaber und seinem Mitarbeiter echte Leidenschaft zu spüren, wenn wir über Vorsatzpapiere, Einbandstrukturen und Prägestempel sprechen. Leidenschaft ist hier eine FOLGE von meisterhafter Beherrschung eines Handwerks. Hier entsteht Leidenschaft durch das KÖNNEN und das Ausreizen von Möglichkeiten, noch bessere Ergebnisse in der eigenen Arbeit zu erzielen.

Tatsächlich ist „gute Arbeit“ etwas sehr Seltenes geworden, nach dem sich immer mehr Menschen sehnen. Gute Arbeit benötigt gute Kenntnisse und viel Erfahrung. Braucht gute Arbeit auch Leidenschaft? Nicht unbedingt. Aber ein leidenschaftlicher Handwerker wie mein Buchbinder würde sagen, es schade auch nicht.

Und darin liegt für mich der wesentliche Punkt: Diejenigen, die sich auf das Finden ihrer Leidenschaft konzentrieren, tun dies mit der Einstellung von „Was bietet mir die Welt?“. Diejenigen, die sich – wie ein Meister seines Handwerks – darauf konzentrieren, gute Arbeit zu leisten, tun dies mit der Einstellung von „Was biete ich der Welt?“.

Wenn Sie sich also Gedanken darüber machen, was Ihre Leidenschaft sein könnte, empfehle ich Ihnen: Kümmern Sie sich darum, der Welt etwas anzubieten und so gut darin zu werden, dass man Sie nicht mehr übersehen kann. Arbeiten Sie daran, Meister Ihres Fachs zu werden. Dann stellt sich die Leidenschaft von ganz alleine ein.

Ein Kommentar zu “Auf der Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job? Lassen Sie´s lieber.

  1. Zu vielen, was hier im Artikel beschrieben wird, gebe ich meine Zustimmung.
    Ich möchte aber eines ergänzen, da ich mich als coach seit vielen Jahren mit diesem Thema beschäftige.
    Wir alle haben Talente in uns, das heißt Verhaltenspräferenzen, die uns ein gutes Gefühl geben, wenn wir diese leben können.
    Wenn wir den Raum haben, diese zu leben, fühlen wir uns weitaus wohler. Diese Verhaltenspräferenzen kennenzulernen ist garnicht schwer, im Gegenteil.
    Diese dann im Leben weitgehend umzusetzen ist möglich.
    Herzliche Grüße
    Manfred L. Koch

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