„Im Prinzip ja, aber…“ – Prinzipien und Standards

img-alternative-textKennen Sie das? Der Tag verspricht, anspruchsvoll zu werden, mit vielen Gesprächsterminen über wichtige Themen. Alles ist durchgetaktet, auf dem Weg zum Flughafen ist man gut durchgekommen, zum Glück kein Stau, jetzt schnell das Auto parken, einchecken, vielleicht noch ein schneller Kaffee. Habe ich eigentlich alle Unterlagen dabei?
Dem aufmerksamen Beobachter wird an so einem Morgen auffallen, dass mein Gesichtsausdruck und meine Körperhaltung eine leichte Anspannung verraten. Alles an mir signalisiert: „Vielen Dank, ich brauche nichts. Bitte halten Sie mich nicht auf.“

Konsequent ignoriert wird mein Wunsch allerdings immer wieder von ehrgeizigen jungdynamischen „Beratern“, die mich dazu animieren wollen, ihre goldene / platinfarbene / unglaublich wichtig aussehende Kreditkarte zu verwenden. An einem normalen Tag versuche ich, sie wertschätzend zu ignorieren.

Vor einiger Zeit ergab sich aber folgender Dialog:
Ich: „Danke nein, das brauche ich nicht.“
Er: „Glauben Sie mir, die Zusatzleistungen werden Sie überzeugen. Ganz bestimmt.“
Ich: „Ich brauche keine Zusatzleistungen. Und ich brauche keine zusätzliche Kreditkarte.“
Er: „Aber Sie reisen doch so viel. Da ist eine Gepäckversicherung eigentlich unverzichtbar.“
Ich: „Nein, wenn mein Koffer in Tokio verloren geht, nützt mir das vor Ort auch mit Versicherung gar nichts.“
Er: „Aber auf die Flugmeilen bei jedem Einkauf wollen Sie doch nicht verzichten?!“
Ich: „Ich habe bereits so viele Meilen, dass ich meine Vettern und Cousinen 2. Grades zum Urlaub nach Mallorca auf Meilen einladen könnte. Tue ich auch nicht. Brauche ich nicht.“
Er – mittlerweile leicht verzweifelt: „Und die Mietwagen? Denken Sie an die Mietwagen-Tarife! So günstig kommen Sie da nie wieder ran.“
Ich – schon fast amüsiert: „Guter Mann, nochmal zum Verständnis: Ich verwende prinzipiell Kreditkarten so wenig wie möglich.“
Er: „Prinzipien zu haben ist ja eine gute Sache, aber bei DIESEM Angebot sollten Sie unbedingt eine Ausnahme machen. Sie müssen da flexibler werden.“ – das Ganze vorgetragen mit einem leicht mokanten Lächeln über den komischen Mann, der da was von Prinzipien schwafelt.

Damit sagte dieser „Berater“ eine ganze Menge über sich selbst. Seine Reaktion machte mir deutlich, dass er gerne eine Abkürzung nehmen würde, um müheloser zum Erfolg zu kommen. „Man kann es ja mal versuchen.“ und „Fragen kostet ja nichts.“ Wie hält es dieser Jemand mit Prinzipien?

Seine Reaktion auf meinen Prinzipien-Einwand liess mich annehmen, dass für ihn eigene Prinzipien und Standards ein Luxus sind. Kann man sich mal gönnen, muss man aber nicht. Prinzipien reduzieren natürlich die Möglichkeit, immer und überall der eigenen Stimmung nachzugeben. Prinzipien nehmen Flexibilität und Bequemlichkeit. Und ein Verstoss gegen die eigenen Prinzipien hat doch sowieso keine Konsequenzen. Bringt also eh nix. Kann man gleich sein lassen.

Meine Erfahrung ist anders: Wenn man beginnt, sich konsequent nach eigenen Standards und Prinzipien auszurichten, spart man viel Zeit. Entscheidungen werden auf Basis klarer Prinzipien viel schneller getroffen, Prioritäten ergeben sich häufig wie von selbst. Die neuesten Trends und Tricks verlieren an Attraktivität. Man braucht ihnen nicht mehr hinterher zu laufen, in der Hoffnung, dadurch eine Abkürzung zum Ziel zu finden.

Das Leben nach eigenen – selbst gewählten und durchdachten – Prinzipien und Standards ist so betrachtet die beste und eleganteste Abkürzung zum Ziel, die man wählen kann. Weil man sich mit vielen Nebensächlichkeiten nicht beschäftigen muss. Und sich darauf konzentrieren kann, hervorragende Arbeitsergebnisse zu liefern und verlässlich zu agieren. So entsteht Vertrauen.

Auf der Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job? Lassen Sie´s lieber.

 

Ich kann es nicht mehr hören! Jedes Seminar zum Thema „Beruflicher und privater Erfolg“ belästigt mich mit der Empfehlung: „Sie müssen Ihre Leidenschaft finden!“ oder „Entdecken Sie Ihre Passion!“. Auch gerne verwendet wird:“Erst wenn Sie Ihre Leidenschaft leben, werden Sie Erfolge feiern können!“

In meinen Coaching-Gesprächen spüre ich häufig die Verzweiflung des Klienten, der vor mir wie ein Häuflein Elend sitzt und darüber klagt, dass er „seine Leidenschaft immer noch nicht gefunden habe und gar nicht wüsste, was er noch dafür tun könne. Nur das, was er im Moment gerade beruflich tue, sei auf gar keinen Fall seine Leidenschaft!“ Da ist es ja dann kein Wunder, wenn sich der erträumte Erfolg noch nicht eingestellt hat.

Ist es wirklich sinnvoll, die Suche nach der eigenen Leidenschaft in den Mittelpunkt zu stellen?

Ich habe den Eindruck, dass diese Empfehlung häufiger die Probleme vergrössert, als etwas zum Besseren zu wenden. Denn in vielen Fällen führt die Suche nach der eigenen Leidenschaft im Job zu Fehlentscheidungen, die teilweise schlimme Folgen haben.

Da sehe ich den häufigen Jobwechsel im Lebenslauf, eine große Unzufriedenheit mit der aktuellen Tätigkeit, noch größere Träume über die „ideale“ Firma, die „optimalen“ Kollegen und die „perfekten“ Chefs, die in der Lage sind, das „enorme Potenzial“ zu erkennen.

Welche Annahmen stecken hinter diesen Äusserungen? Offensichtlich glauben viele Menschen, dass der beste Weg zu einem glücklichen und erfüllten Berufsleben ist, zuerst die eigene Leidenschaft zu entdecken und dann die dazu passende Tätigkeit zu finden.

So funktioniert es nach meiner Erfahrung allerdings in den meisten Fällen nicht.

Denn Menschen, die einer echten Leidenschaft – auch in Ihrem Beruf – folgen, sind sehr selten und finden sich nach meiner Erfahrung häufig im künstlerischen Bereich. Aus dem leidenschaftlichen Geigenschüler wird vielleicht der gefeierte Violinist, wenn viele unterstützende Faktoren zusammenkommen. Denn neben der Leidenschaft sind dafür auch Eigenschaften wie Talent und Fleiss erforderlich. Die Förderung im Elternhaus und der richtige Lehrer zur richtigen Zeit sind weitere Faktoren.

Den leidenschaftlichen Lohnbuchhalter oder den leidenschaftlichen Taxifahrer habe ich seltener getroffen. Die meisten Menschen werden nicht mit einer brennenden Leidenschaft in sich geboren. Hier kommen die vielen gut besuchten Seminare, Workshops und Retreats ins Spiel, die ihren Teilnehmern versprechen, ähnlich einem Archäologen, die verdeckte, wahre Leidenschaft freizulegen, die unter dem Staub der Erziehung schändlich begraben worden ist. Wenn sie befreit worden ist, steht dem eigenen Glück endlich nichts mehr im Wege. Man muss nur entsprechend dieser Leidenschaft handeln.

Und tatsächlich gehen viele Teilnehmer dieser Veranstaltungen glücklich und beschwingt wieder nach Hause. Sie haben erfolgreich „ihre“ Leidenschaft entdeckt und endlich gibt es damit auch die Erklärung, warum sie bisher im Job so unglücklich waren. Nicht ihre Einstellung war dafür verantwortlich, sondern die Tatsache, dass der Job nicht kompatibel zur neu entdeckten Leidenschaft war. Jetzt nur noch schnell kündigen und etwas Passenderes finden, dann ist alles wunderbar.

Leider kommt nicht selten nach ein paar Wochen der „Katzenjammer“. So erzählte mir eine Bekannte, sie habe inzwischen das Gefühl, die neu entdeckte Leidenschaft für „…meine Liebe weitergeben…“ sei vielleicht doch nicht so ausgeprägt. Da „finde ich mich doch nicht so wieder, wenn die Kinder meiner Schwester wieder auf den Tischen tanzen..“ – Aber schon in Kürze werde wieder ein Seminar zum Thema angeboten, dieses Mal von einem amerikanischen „Motivational Speaker“, der habe übrigens indianische Wurzeln und deshalb sowieso einen ganz anderen Zugang zum Thema. Naja…

Was ist es denn nun mit der Leidenschaft?

Wenn ich Leidenschaft im Beruf sehen will, dann gehe ich in eine kleine Buchbinderei, mit der ich schon einige Jahre zusammenarbeite. Hier ist beim Inhaber und seinem Mitarbeiter echte Leidenschaft zu spüren, wenn wir über Vorsatzpapiere, Einbandstrukturen und Prägestempel sprechen. Leidenschaft ist hier eine FOLGE von meisterhafter Beherrschung eines Handwerks. Hier entsteht Leidenschaft durch das KÖNNEN und das Ausreizen von Möglichkeiten, noch bessere Ergebnisse in der eigenen Arbeit zu erzielen.

Tatsächlich ist „gute Arbeit“ etwas sehr Seltenes geworden, nach dem sich immer mehr Menschen sehnen. Gute Arbeit benötigt gute Kenntnisse und viel Erfahrung. Braucht gute Arbeit auch Leidenschaft? Nicht unbedingt. Aber ein leidenschaftlicher Handwerker wie mein Buchbinder würde sagen, es schade auch nicht.

Und darin liegt für mich der wesentliche Punkt: Diejenigen, die sich auf das Finden ihrer Leidenschaft konzentrieren, tun dies mit der Einstellung von „Was bietet mir die Welt?“. Diejenigen, die sich – wie ein Meister seines Handwerks – darauf konzentrieren, gute Arbeit zu leisten, tun dies mit der Einstellung von „Was biete ich der Welt?“.

Wenn Sie sich also Gedanken darüber machen, was Ihre Leidenschaft sein könnte, empfehle ich Ihnen: Kümmern Sie sich darum, der Welt etwas anzubieten und so gut darin zu werden, dass man Sie nicht mehr übersehen kann. Arbeiten Sie daran, Meister Ihres Fachs zu werden. Dann stellt sich die Leidenschaft von ganz alleine ein.

„Ja, aber…“ – Vorbehalte und Ausreden

img-alternative-textBesonders in Veränderungssituationen, die von Mitarbeitern und Führungskräften echte Verhaltensänderungen verlangen, höre ich das „Ja, aber…“ besonders häufig. Es soll einerseits ausdrücken, dass diejenige Person nicht vollständig und absolut gegen die Veränderung eingestellt ist, andererseits aber sich selbst nicht gerne verändern möchte.

Grundsätzlich sind Vorbehalte, z.B. gegen eine neue Veränderung in der Organisation, zunächst mal ganz gesund und nützlich. Es ist immer hilfreich, zu Beginn ein paar Fragen zu stellen, bevor man sich Hals über Kopf in ein neues Veränderungsabenteuer stürzt.

Wir sollten aber Vorbehalte deutlich unterscheiden von Ausreden. Ausreden verwenden wir meistens, um dem Berater, dem Verkäufer, dem Change Manager etc. zu sagen, er möge bitte gehen, ohne ihm zu sagen, dass er bitte gehen möge.

Für mich als Veränderungsbegleiter sind Vorbehalte und Rückfragen immer wieder sehr produktive Möglichkeiten, mit betroffenen Teammitgliedern, Führungskräften oder auch ganzen Teams ins Gespräch zu kommen. Vorbehalte sind ein Weg, gemeinsam mehr über das Veränderungsvorhaben zu lernen, Sichtweisen zu hinterfragen und ggf. zu korrigieren und gleichzeitig den betroffenen Mitarbeitern Hilfe bei der Lösung ihrer spezifischen Probleme in diesem Veränderungsprozess anzubieten.

Dazu im Unterschied haben Ausreden keinerlei produktiven Nutzen. Sie sind für mich eher Äusserungen der Angst, zu etwas überredet zu werden, das man eigentlich nicht will. Diese Ängste zu kennen, sie ernstzunehmen und in der Kommunikation mit ihnen umzugehen ist von großer Bedeutung. Die Zuflucht über längere Zeit in Ausreden zu suchen und dadurch Entwicklungen zu verzögern oder gar zu verhindern, sollte aber nicht zulässig sein.

Ein guter Change Manager sollte daher die Unterschiede zwischen Vorbehalten und Ausreden erkennen können und dadurch besser verstehen, was die betroffenen Mitarbeiter und Teams im Moment noch von einer vollen Zustimmung und Unterstützung der Veränderung abhält. Sind es nur Ausreden? Oder sind es Vorbehalte, mit denen man arbeiten kann?

Messen wir eigentlich das Richtige?

Wenn wir etwas Bestimmtes messen, dann konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit in der Regel darauf. Und wenn unsere Aufmerksamkeit auf einem bestimmten Thema oder einem bestimmten Zusammenhang liegt, wird hier in der Regel auch intensiv gemessen.

Wir sind hungrig nach Zahlen. Zahlen bestimmen unsere Messungen, denn sie stellen eine Vergleichbarkeit her. Und diese Vergleichbarkeit macht es schwer, sich zu verstecken und gibt uns das Gefühl von Ordnung – dieses ist kleiner / besser / größer / schneller / leichter / etc. als jenes.

Genau darin liegt aber auch ein Problem.

Das Einkommen ist zum Beispiel sehr leicht zu messen. Und wir glauben, dass ein höheres Einkommen besser ist als ein niedriges Einkommen. Deshalb halten wir Menschen mit einem höheren Einkommen für besser oder glücklicher und gestehen ihnen mehr Respekt und Würde zu als Menschen, die augenscheinlich weniger Einkommen haben. Eine Falle.

Auch die „Likes“ in sozialen Medien sind leicht zu messen. Darum steht hier die Jagd nach Zustimmung immer mehr im Vordergrund. Wer gewinnt dieses Spiel? Vielleicht am ehesten Exhibitionisten und Zuhälter.

Im Internet-Handel ist die Anzahl der „Fünf-Sterne-Bewertungen“ bares Geld wert. Auch sie ist leicht zu messen. Deshalb streben die Anbieter schon fast verzweifelt nach positiven Bewertungen, um zu gewinnen.

Aber was bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich „gewinnen“? Führt die reine Maximierung einer bestimmten Messzahl tatsächlich zu den positiven Ergebnissen, die wir erreichen wollen?

Ist die wirklich wichtige Arbeit immer auch die beliebteste Arbeit? Erreichen wir unsere Ziele wirklich immer nur dann, wenn die Öffentlichkeit es toll findet? Verkauf wir dann automatisch mehr? Ist die Bestseller-Liste identisch mit der Beste-Bücher-Liste?

Wer bewertet da eigentlich? Die populärsten Bücher, die erfolgreichsten Filme werden häufig von Kritikern verrissen. Aber populäre Themen ziehen mehr Käufer an als schwierige Stoffe. Vielleicht bekommen wir bei der Maximierung unserer gut messbaren Erfolgkriterien dann Käufer, die wir gar nicht haben wollten….

Wir sollten deshalb sehr überlegt in der Auswahl unserer Messkriterien vorgehen. Das falsche Messkriterium liefert auch dann falsche Ergebnisse, wenn es besonders leicht zu messen ist.

Präzision ist nicht das Gleiche wie Signifikanz.

Verwenden wir die richtigen Messkriterien für unsere Arbeit und unsere Ergebnisse, dann passieren gute Dinge.

Nehmen wir uns daher mehr Zeit dafür, herauszufinden, welche Messkriterien für uns die Wesentlichen sind. Lassen wir uns nicht zu sehr durch Daten blenden.

Weniger ist hier meistens mehr.